Wenn Griedeler reisen…

Griedeler C-Jugend gewinnt den „Autohaus-Michel-Cup
29.08.2019
Minis des TSV Griedel starten die Saison 2019/2020.
06.09.2019

Wenn Griedeler reisen…

Reisebericht von Stephan de Groote:

 

                            Palmström reist mit einem gewissen Herrn von Korf

                           in ein sogenanntes böhmisches Dorf.

 

                           Unverständlich bleibt ihm alles dort,

                           vom ersten bis zum letzten Wort.

 

                           Auch von Korf, der nur des Reimes wegen

                           ihn begleitet, ist um Rat verlegen.

 

                          Doch just dies macht ihn blass vor Glück,

                          tief entzückt kehrt unser Freund zurück.

 

                         Und er schreibt in seine Wochen-Chronik

                         wieder ein Erlebnis, voll von Honig.

 

Christian Morgenstern, Das Böhmische Dorf

 

 

…gibt es von vielen neuen Eindrücken zu erzählen. Schon 2002 wurde die Partnerschaft zwischen dem TSV Griedel und dem tschechischen Handball-Verein SKP Frýdek-Místek begründet und seitdem verging kein Jahr ohne Besuche und Gegenbesuche von Handball-Jugendmannschaften und ihren Betreuern, tiefe Freundschaften wurden begründet und das gegenseitige bessere Verständnis wuchs von Besuch zu Besuch. Frýdek-Místek liegt im äußersten Osten Tschechiens, in Mähren, im Dreiländereck an der Grenze zu Polen und der Slowakei und hat um die 70.000 Einwohner. Es liegt also weder in Böhmen noch ist es ein Dorf. Dennoch bringt das Gedicht von Christian Morgenstern unsere Situation in Tschechien sehr gut zum Ausdruck. Warum das so ist, erfahren Sie später, wenn Sie noch Lust aufs Weiterlesen haben sollten.

 

Beginnen wir unsere Geschichte doch einfach mit Ihrem Anfang! Am 03. August gegen 2 Uhr nachts brach die Griedeler Reisegruppe, bestehend aus 21 Jugendlichen und ihren drei Betreuern zu unserer gut 14stündigen Busfahrt nach Frýdek-Místek auf. Busfahrer Martin, die gute Seele, hatte alles im Griff. Der Verfasser dieses Berichts nutzte die Zeit, um sich in ein Büchlein zu vertiefen, dass seinen Leserinnen und Lesern vollmundig perfekte Tschechisch-Kenntnisse in nur 30 Lerneinheiten zu je 15 Minuten versprach, bis zu unserer Ankunft in Frýdek-Místel ließ sich das auch bequem bewältigen. Dort angekommen sagte man dem Schreiber dieser Zeilen aber, dass er leider Hochtschechisch gelernt hatte, wie es nur im Umkreis der Prager Akademie für Sprache und Dichtung gesprochen und verstanden wird. Wieder einmal verstanden wir daher auf Tschechisch rein gar nichts. Das macht aber nichts. Tschechen sind sehr stolz darauf, eine der vielleicht schwierigsten, jedenfalls aber konsonanten- und formenreichsten Sprachen weltweit zu sprechen und es bereitet ihnen ein unbändiges Vergnügen, wenn sich ausländische Besucher mit Wörtern wie zmrzlina (Speiseeis), čtvrť (Stadtviertel) oder přiležitost (Gelegenheit) die Zunge verknoten. Außerdem beschämten uns unsere tschechischen Gastgeber und Freunde mit ihren vorzüglichen Deutschkenntnissen.

 

Frýdek-Místek ist eine Doppelstadt, die erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts durch den Zusammenschluss der bis dahin selbständigen und sich im Verlauf ihrer wechselvollen Geschichte auch nicht immer freundlich gesinnten Städte Frýdek und Místek entstanden ist. Getrennt, in gewisser Weise aber auch verbunden werden die beiden Stadthälften durch das Flüsschen Ostravice, das an vielen Stellen kaum breiter wie unsere Wetter ist und mit seiner lang gezogenen Auen- und Parklandschaft zum Spazierengehen, Sporttreiben und Picknicken einlädt. Architektonisch haben Viele Spuren in Frýdek-Místek hinterlassen. Da wären zum einen die Habsburger zu nennen mit ihren Patrizierhäusern, Wiener Cafés, Barockkirchen mit Zwiebeltürmen und repräsentativen Bauten im klassizistischen oder Jugendstil. Unübersehbar war die Region um Frýdek-Místek und das nahe gelegene Ostrava (Ostrau) aber auch einmal das stählerne Herz Tschechiens, eines der Zentren der europäischen Schwerindustrie. Davon zeugen alte Industriellen-Villen, stillgelegte Fördertürme und Werkshallen mit hoch aufragenden Schloten, die teilweise in coole Lofts und Mails umgewandelt wurden, teilweise aber auch dem Verfall preisgegeben sind. Und Arbeitersiedlungen mit kleinen Häuschen und Vorgärten, wie sie auch für das Ruhrgebiet typisch sind. Realsozialistische Tristesse strahlen die nicht wenigen Plattenbausiedlungen aus, unsere Wahrheitsliebe gebietet uns, dies nicht zu verschweigen. Seit unserem ersten Besuch ist auch viel Neues dazugekommen, von schmucken Einfamilien-Häuser über neue Gewerbegebiete bis zu futuristischen Bars und hippen Läden. Frýdek-Místek liegt am Fuße der Beskiden, eines Ausläufers der Karpaten, der mit seinem anmutigen Landschaftsbild, seinen wie aus der Zeit gefallenen verschlafenen Dörfchen und seinen gemütlichen Gasthäusern mit deftigen Gerichten und köstlichem, frisch gezapften Bier zwar noch nicht viele Touristen auch aus dem westlichen Ausland anlockt, aber immer mehr, vor allem Wanderer, Mountain-Biker und im Winter sicherlich auch Skiläufer. Anders als noch bei unseren ersten Besuchen genügt die touristische Infrastruktur in den Beskiden mittlerweile auch gehobenen Ansprüchen und die jungen Leute dort sprechen heute auch (fast) alle Englisch, manchmal mit dem höchst charmanten Zungenschlag, den wir von dem braven Soldaten Schwejk oder den lustigen Marionetten Spejbl und Hurvinek kennen. Die Preise sind gestiegen, für unsere Verhältnisse ist das Meiste aber immer noch äußerst günstig. Lauter gute Gründe, einmal seinen Urlaub in den Beskiden zu verbringen, mit Frýdek-Místek als Ausgangspunkt!

 

Wieder einmal hatten unsere tschechischen Freunde keine Mühen und Kosten gescheut, um ein höchst vergnügliches aber auch lehrreiches Besichtigungs- und Freizeitprogramm für uns auszuarbeiten. Bei Rundgängen durch die liebevoll restaurierten historischen Zentren von Frýdek und Místek unter fachkundiger Führung wurden die Griedeler mit der Geschichte, Kultur und den Hauptsehenswürdigkeiten der Zwillingsstädte vertraut gemacht. Bei einem längeren Gespräch in einem internationalen Begegnungszentrum, zu dem auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt hinzukam, ging es um die aktuelle Lage in Frýdek-Místek und es wurden Möglichkeiten angedacht und ausgelotet, wie sich die Freundschaft zwischen Frýdek-Místek und Griedel im Geiste der Völkerverständigung weiter vertiefen ließe. Der Vergleich mit den Verhältnissen in Deutschland eröffnete den Griedelern ganz neue Sichtweisen. Ein Besuch des alten Frýdeker Schlosses mit seinem Heimatmuseum und seinen höchst interessanten und geschichtsträchtigen Exponaten rundete das Besichtigungsprogramm des ersten Tages ab. Wieder nahm sich der Frýdek-Místeker Vize-Bürgermeister für Kultur, Bildung und Sport die Zeit, die Griedeler im Rathaus mit liebenswürdigen Worten zu begrüßen und sie nach dem Austausch der Gastgeschenke in einem historischen Ratskeller generös zu bewirten. Die Abende in der Woche verbrachten die Griedeler Jugendlichen in ihren tschechischen Gastfamilien und sie waren des Lobes voll über die ihnen entgegengebrachte Gastfreundschaft und Herzlichkeit, aber auch für die gewonnenen Einblicke in den Alltag tschechischer Familien. Neue Facebook-Freundschaften wurden begründet, wie das unter Jugendlichen so üblich ist, wenn erst einmal das Eis gebrochen ist. Auch gemeinsame Disco-Besuche wurden ausgemacht und von den Griedeler Betreuern mit zeitlicher Obergrenze abgesegnet. Geplant war auch eine Besichtigung des riesigen Werks, das der koreanische Autohersteller Hyundai schon vor langen Jahren am Rande von Frýdek-Místek errichtet hat. Das war schlau von Hyundai, sie hätten sich wie ihr Konkurrent Daewoo ja auch einen englischen Standort als Haupt-Standbein in Europa aussuchen können. Weit weniger zu loben ist die Öffentlichkeitsarbeit von Hyundai. Denn trotz vorheriger Anmeldung und Terminbestätigung wurde den Griedelern der Zutritt zu den Werkshallen verwehrt, weil einige von ihnen wegen der drückend schwülen hochsommerlichen Temperaturen Shorts und auch noch Sandalen trugen. Bei der Besichtigung der nahe gelegenen Radeberg-Brauerei, Verköstigung inbegriffen, waren alle herzlich willkommen. Die Brauerei ist nach einer heidnischen Gottheit der alten Slawen, besagtem Radegast, benannt und gehört zu den größten in Tschechien. Ihr Bier mundet uns noch vorzüglicher wie die in Deutschland weit bekannteren tschechischen Sorten Pilsner Urquell oder Budvár. Radegast gehört seit einiger Zeit zu der Asahi-Gruppe, einem japanischen Braukonzern, was uns gegenüber Ostasiaten wieder weit versöhnlicher stimmte. Handball gespielt und trainiert wurde nahezu jeden Tag, auch mit Beach-Volleyball, Krafttraining und Bowling vergnügten sich die Griedeler. Die Hitze lud zu Besuchen in dem Aquapark vor den Toren Frýdek-Místeks mit seinem reichhaltigen Bade- und sonstigen Freizeitangebot ein, aber auch zum erfrischenden Eintauchen in die Ostravice, an Stellen, wo sie wegen ihrer einwandfreien und ständig überprüften Wasserqualität zum Baden freigegeben ist.

 

Unser Dank gebührt wieder einmal unseren tschechischen Freunden, vor allem Kenjo, Martin, Adela und Daniel, aber auch allen anderen für ihre nimmermüde und von Herzen kommende Gastfreundschaft und die Organisation einer weiteren unvergesslichen Woche. Und unserem Super-Busfahrer Martin für seine stets zuverlässige, geduldige und liebenswürdige Art.