Reiseimpressionen aus Mähren des TSV Griedel

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Reiseimpressionen aus Mähren des TSV Griedel


Das deutsch-tschechische Handballspiel haben unsere Freunde vom SKP FRýdek-Místek deutlich mit 40:20 (20:11) gewonnen.

 

 

Strc prst skrz krk oder: Tschechisch ist im Grunde ganz einfach
Reisebericht von Oberfeldwebel Stephan de Groote

Einleitung
 

A   Wissenswertes über Frýdek-Místek
B   In der Räuberhöhle 
C   Drushba – Freundschaft  

EINLEITUNG
  In der Woche vom 31.07. bis 07.08. 2010 stattete eine 24köpfige Griedeler Reisegruppe dem tschechischen Handball-Partnerverein des TSV Griedel, dem SKP Frýdek-Místek einen Besuch ab. Die Griedeler Delegation setzte sich zusammen aus Jugendlichen und jungen Männern im Alter von 15 bis 24 Jahren mit ihren Betreuern. Es war bereits der vierte Besuch der Griedeler in Frýdek-Místek, mit ebenso vielen Gegenbesuchen der Tschechen.  

A  Wissenswertes über Frýdek-Místek Viele Leser dieser Zeilen werden Frýdek-Místek noch nicht kennen, obwohl die Stadt immerhin rund 70.000 Einwohner zählt und sich zu einem der Zentren der Metall- und Autoindustrie in der Tschechischen Republik entwickelt hat. (Hyundai unterhält vor den Toren Frýdek-Místeks ein riesiges Werk.) Frýdek-Místek liegt im Dreiländereck an der Grenze zu  Polen und der Slowakei. Für unsere wackeren Griedeler bedeutete dies hin und zurück jeweils eine zwölfstündige Busfahrt. Durch Frýdek-Místek schlängelt sich die Ostrau (Ostravice), welche die beiden früher selbständigen Stadthälften – das schlesische Frýdek und das mährische Místek – voneinander trennt und deren Ufer zu ausgedehnten Spaziergängen in lauschigen Parks einladen. Geprägt ist der Stadtkern von Frýdek rund um den zentralen Platz von prächtigen Fassaden im Renaissance-Stil, der von Místek durch Bürgerhäuser mit Laubengängen. Die nahe gelegenen Beskiden, ein Ausläufer der Karpaten, bieten ideale Wander- und Wintersportmöglichkeiten. In den verschlafenen Ortschaften dort scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Wer noch mehr über Frýdek-Místek wissen will, kann beispielsweise bei Wikipedia den Suchbegriff „FrÖ½dek-Místek“ eingeben. Der Handballverein von Frýdek-Místek – besagter SKP – war bereits mehrfacher tschechischer Meister und hat in internationalen Pokalwettbewerben munter mitgespielt. Bis der TSV Griedel auch auf diesem Niveau angelangt ist, wird noch die eine oder andere Saison vergehen und der eine oder andere Leser fragt sich jetzt vielleicht, warum ein solcher Spitzenclub ausgerechnet mit dem TSV Griedel (und nicht wenigstens mit der HSG Butzbach) eine Partnerschaft eingegangen ist. Zustande kam diese glückliche Verbindung, als die Stadt Frýdek-Místek im Jahre 2001 auf Partnersuche alle hessischen Vereine zu einem Informationsabend nach Wetzlar einlud. Die einzigen, die zu dieser Veranstaltung erschienen, waren indessen die sagenumwobenen Herren Hachenburger und Weiß vom TSV Griedel. Dies war, um mit Humphrey Bogart („Casablanca“) zu reden, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. 

B   In der Räuberhöhle Die Frýdek-Místeker hatten keine Kosten und Mühen gescheut, um ihre Griedeler Gäste standesgemäß unterzubringen. Sie logierten in einer früheren Kaserne der Sowjetarmee. Vielleicht war es aber auch die Verhörzentrale des KGB gewesen. Alteingesessene Frýdek-Místeker äußerten sich hierzu nur in dunklen Andeutungen. Sie sprachen von einem „verfluchten“ Ort und bekreuzigten sich. Sinnigerweise hieß das „Hotel“ auch „die Kaserne“. Sie bot den Griedelern alle Annehmlichkeiten und allen Komfort, der in den frühen 50er-Jahren für Rekruten der Roten Armee üblicher Standard waren, von sanitären Gemeinschaftsanlagen, die keine Rücksicht auf das Schamgefühl nahmen über grelle Neonröhren bis hin zu klaustrophobischen Gängen, in denen klackernde Schritte wiederhalten. Aber das Gebäude bewies die Werthaltigkeit sowjetischer Baukunst. Es stand noch. Mit den anderen „Hotelgästen“ freundeten sich die TSVler schnell an. Sie erzählten den Griedelern, dass sie an diesem „verschwiegenen“ Ort für eine Weile „untergetaucht“ seien. Spaziergänge in die nähere Umgebung endeten an Stacheldrahtbewehrten Zäunen, hinter denen verrostete Fässer mit kyrillischer Beschriftung und Totenköpfen endgelagert waren. Überall wurde man auf Tschechisch nach einem „Dokument“ gefragt, um seinen Weg fortsetzen zu können. Hunde bellten. Wölfe heulten den Mond an. So hautnah und authentisch die Hochzeiten des Kalten Krieges nacherleben zu dürfen, war für die Griedeler ein unvergessliches Erlebnis, insbesondere für die Jugendlichen unter ihnen, die – anders als der eine oder andere mitgereiste Betreuer – keine persönlichen Erinnerungen an die Stalinzeit haben. Die weltabgewandte Lage der Kaserne mitten im Wald und in einem rechtsfreien Raum boten Betreuer Stephan de Groote (von den Jugendlichen ehrfürchtig „der Schleifer“ genannt) ideale Trainingsbedingungen, galt es doch, die Jungs in ihrem Überlebenscamp durch knallharten Drill für die nächste Saison fit zu machen. Kampfroboter werden jetzt ihren Gegnern in den heimischen Ligen gegenüberstehen, der eine oder andere allerdings mit einem nervösen Tick. Und dass sie jetzt auf jede Frage brüllend und mit stierem Blick mit „Sir, ja, Sir“ antworten und nachts im Schlaf aufschreien, werden vielleicht auch nicht alle Eltern oder Lehrer witzig finden. Aber Hauptsache es klappt mit dem sportlichen Erfolg. 

C   Drushba – Freundschaft Selbstkritisch müssen sich die Griedeler eingestehen, dass sie noch immer nicht gefällig auf Tschechisch zu parlieren wissen. Genau betrachtet reicht ihr tschechischer Wortschatz kaum über die Wörter „pivo“, „na zdaví“, „knedlik“ (Knödel), „hlawicka“ und „ches se mnou spát“ hinaus. Zum Glück hatten sie Stephan de Groote dabei, der wegen seiner fließenden Tschechisch-Kenntnisse, die er sich auf der Busfahrt nach Frýdek-Místek aneignete (er ist schon ein ganz helles Kerlchen), von allen bald nur noch „Hurvinek“ genannt wurde. In brenzligen Situationen, wenn es zu Missverständnissen kam, weil irgendein Wort falsch ausgesprochen wurde, reichte schon das bloße Erscheinen von Jürgen „il consigliere“ Weiß (so genannt, weil er, um nicht uncool zu wirken, seine Sonnenbrille auch spätabends nicht abnahm) aus, um die Tschechen den Rückzug antreten zu lassen. Im Übrigen ging es den Griedelern so, wie zwei anderen Reisenden in einem Gedicht von Chr. Morgenstern:            

„Palmström reist, mit einem Herrn v. Korf
in ein böhmisches Dorf.

Unverständlich blieb ihm alles dort

vom ersten bis zum letzten Wort.

Auch v. Korf (der nur des Reimes wegen

ihn begleitet) ist um Rat verlegen.

Doch just dies macht ihn blass vor Glück.

Tief entzückt kehrt unser Freund zurück.

Und er schreibt in seine Wochenchronik

wieder ein Erlebnis, voll von Honig.“
 

Aufmerksame Leser werden jetzt allerdings gemerkt haben, dass Frýdek-Místek gar nicht in Böhmen liegt, sondern in Mähren bzw. Schlesien. Alles andere stimmt aber.Was viele Leser vielleicht nicht wissen werden: das tschechische Nationalgetränk ist Bier. Doch, wirklich, ich lüg Sie nicht an! Man trinkt es dort zusammen mit einem Gläschen „Fernet Citrus“ und wer das nicht trinken will, dem glaubt man dort nicht. Den Betreuern wurde dabei höchster Einsatz abverlangt, galt es für die Tschechen doch, einen Titel zu verteidigen: der Weltmeister im Pro-Kopf-Verbrauch von Bier zu sein. Der Weltmeister gegen den Vize-Weltmeister, das versprach spannend zu werden und tatsächlich schenkte man sich bis zu den packenden Finishs nichts oder nur gegenseitig ein. Die Griedeler konnten dabei auch ein hochinteressantes physikalisches Phänomen beobachten: das Gläschen Fernet Citrus war immer voll, so oft und so schnell man es auch austrinken wollte. Äußerst praktisch fanden die Griedeler auch den tschechischen Brauch, von dem Kellner in sehr kurzen, regelmäßigen Intervallen frisch gezapftes Bier auf den Tisch gestellt zu bekommen, gleichgültig, ob man seines schon ausgetrunken hatte oder nicht (ein Verbesserungsvorschlag für die Friedenslinde?). Nur der Schreiber dieser Reiseimpressionen musste nüchtern bleiben, um seiner Chronistenpflicht zu genügen. Seit nunmehr 8 Jahren besuchen sich die SKP- und die TSVler gegenseitig und – wer weiß â€“ vielleicht gibt es ja auch bald die erste Frýdek-Místek-Griedeler-Hochzeit zu feiern. Dahingehende zielgerichtete Bemühungen des einen oder anderen – volljährigen! – Griedelers waren durchaus zu beobachten, letztendlich jedoch leider nicht von Erfolg gekrönt. Das ist zumindest das, was die mitgereisten „älteren Herrschaften“ glauben. Ein ereignisreiches Freizeit- und Besichtigungsprogramm hatten die tschechischen Freunde sich auch wieder ausgedacht. Der sehr schön angelegte Zoo in Ostrau (Ostrava) wurde besichtigt, das liebevoll (in der dortigen Burg) eingerichtete Heimatmuseum von Frýdek-Místek ebenso und natürlich stand – wie immer – auch wieder ein Besuch der Radegast-Brauerei auf dem Programm. Fragen Sie einen Griedeler nach seinem Lieblingsbier und er wird Ihnen ohne zu zögern neben Licher, Radegast nennen. Im Rathaus von Frýdek-Místek wurden die Griedeler auf das Liebenswürdigste von dem Sportdezernenten begrüßt, beschenkt und bewirtet. Einige Abende verbrachten die Griedeler verteilt auf ihre Gastfamilien. Überall gab es Knoblauchsuppe (lecker, lecker, lecker!) und nicht minder schmackhaften Schweinebraten mit Knödeln bis zum Abwinken und weit darüber hinaus. Besonders beliebt war bei einigen Griedelern der Besuch des Aquaparks, gab es dort doch schöne Mädchen ohne Ende zu gucken. Aber auch den Griedeler Recken wurden begehrliche Blicke zugeworfen. Es sind ja auch alles richtig schnuckelige und stattliche Kerlchen. Was in den langen Disco-Nächten geschah, fragen sie die beteiligten – volljährigen! – Heranwachsenden besser selbst.

Reichlich Handball gespielt wurde natürlich auch, aber auch Fußball. Max „Knipser“ Schepp traf für Griedel, Sebastian „Dietzi“ Dietz seinem Spitznamen „Stalin der Innenverteidigung“ alle Ehre. Die zahlreichen Sportmöglichkeiten in Frýdek-Místek können einen schon neidisch machen. Sport hat in Tschechien einen höheren Stellenwert wie in Deutschland, die Einsicht, dass Sport ein bedeutender Faktor in der Jugendarbeit ist, haben die Politiker in Tschechien schon lange erkannt und belassen es auch nicht bei Lippenbekenntnissen, sondern setzen Ideen in Wirklichkeit um. Es hat sich wieder einmal gezeigt, dass Begegnungen wie die zwischen dem SKP Frýdek-Místek und dem TSV Griedel sicherlich mehr zur Völkerverständigung beitragen wie alle politischen Absichtserklärungen und Konferenzen zusammen. Von der Stadt Butzbach müsste dies auf jeden Fall finanziell unterstützt werden! (Haben Sie das gehört, Herr Merle? Ja, Sie!) Ein großer Dank geht an die deutsche Sportjugend ohne deren finanzielle Hilfe die deutsch-tschechischen Jugendbegegnungen nicht möglich wären. Allerspätestens in zwei Jahren sieht man sich wieder, wenn der Gegenbesuch der Frýdek-Místeker ansteht. Bis dahin gilt: Na shledanou a srdecne vítán, ceský prítely.